22. Juni 1941


Über einen langen Zeitraum hinweg habe ich keine Worte gefunden. Themen hätte es genug gegeben, mein Hausbau in der Kontinuität zahlreicher Beiträge der Vergangenheit – nein, die Berichte darüber sind nicht ad acta gelegt worden, aber ich habe irgendwie noch nicht den Wiedereinstieg gefunden –, das Voranschreiten der Klimakatastrophe, auch wenn dieses Jahr hierzulange nach den bisherigen Ereignissen keine extreme Dürre zu werden scheint – aber der Sommer ist noch lang, hat ja eigentlich erst heute angefangen –, Corona und das Leben in einer Pharmadiktatur… Was könnte man darüber nicht alles schreiben? Es ist jedoch schon alles geschrieben worden, und mein Blog hat nicht die Reichweite, um dem Geschrei von vor allem zwei Seiten, auch wenn die Auseinandersetzung nicht streng bipolar verläuft, eine neue Gewichtsverteilung zu verleihen.

Worüber aber wenig geschrieben wird im Deutschland des Jahres 2021, dem Land, von dem es einmal hieß, an seinem Wesen solle die Welt genesen, und worüber auch wenig gesprochen wird, ist der 22. Juni 1941 und seine 80. Jährung morgen früh um 3:15 Uhr: Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion in den Grenzen seit dem Hitler-Stalin-Pakt.

Aber schlimmer noch: Es herrscht keineswegs betretenes Schweigen, Funkstelle, nein, in Der Zeit schrieb z.B. Alan Posener, man müsse sich „von der Vorstellung lösen“, „der Frieden mit Russland um beinahe jeden Preis sei wegen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 eine moralische Pflicht“. Mal abgesehen davon, dass die conditio „um beinahe jeden Preis“ natürlich fast alles ausschließt, denn fast nichts muss „um beinahe jeden Preis“ sein, existiert diese zugespitzte Vorstellung höchstens sehr vereinzelt. Diese Bedingung ist die Krücke, ohne die die Formulierung „Frieden mit Russland ist nachrangig“ von einer Sekunde auf die andere moralisch krachen geht. Aber genau diese Haltung ist es, die Posener zur Feder greifen lässt. Und er steht damit nicht mutig allein gegen Putin-Versteher, Russland-Freunde und sonstige den realen „Werten“ des Westens abholde Zeitgenossen. Er ragt kaum hervor aus der transatlantischen Phalanx derjenigen, die sich vom Imperium instrumentalisieren lassen für die Zwecke des Imperiums.

Ich will damit gar nicht behaupten, alle Deutschen, die aktuell auf dem antirussischen Streitwagen sitzen, wären ausschließlich ferngesteuert von oder zumindest motiviert durch Washingtons Exzeptionalismus und Unilateralismus. Aber wenn jemand aus eigenem Antrieb, womöglich gegründet auf denselben Fundamenten, die die Aggressionen gegen den Osten zwischen 1939 und 1945 trugen, heute gegen Russland hetzt, macht das die Sache ja nicht besser.

Dabei geht es mir gar nicht primär um Völkerverständigung, Weltfrieden, Menschenrechte, Demokratie und dergleichen Dinge, die bzw. deren Schwinden oder zumindest Gefährdung in einer satten und bequem gewordenen Gesellschaft anscheinend einfach keine so starke Mobilisierungswirkung mehr entfalten können, wie es 1945 wohl war, als eine große Mehrheit kriegsmüde war und instinktiv spürte, dass andere Wege einzuschlagen als die des gegenseitigen Mordens schlichtweg unabdingbar war. Mir geht es vielmehr um Innehalten, um die pragmatische Frage, was wem nützt, wo, im besten geschäftlichen Sinne, ein gemeinsames Projekt, und sei es substanziell sehr wirtschaftlich, zum beiderseitigen Nutzen sein kann, in dessen Abwicklung es wie zu eigentlich allen Zeiten fast unvermeidlich wäre, dass Menschen einander begegnen und neben der Verständigung über das Projekt persönliche Eindrücke austauschen, einander kennen lernen und – mitunter staunend – feststellen: Der andere ist irgendwie anders, aber in ziemlich vielen essenziellen Punkten ticken wir gleich. Warum also zum Teufel sollten wir uns für die Koordinaten seines Hauses interessieren, sie gar in irgendwelche Raketensysteme einprogrammieren?

Der Versuch, das fragile Kartenhaus, aus dem seit Jahrzehnten immer mehr ehemals stabilisierende Zwischenstützen entfernt werden, um sie zwecks noch größerer Höhe nach oben zu stellen, hin zu noch mehr Gewinn, schlägt in immer rascherem Takt fehl, obwohl doch alle, die Geld haben, schon alles besitzen, was sie brauchen, und es jenen, die noch (längst) nicht alles haben, was sie benötigen, an Kredit mangelt; es ist also schwer, den Output jeglicher wirtschaftlicher Tätigkeit noch loszuschlagen und dies gar, wie vom zu verzinsenden Kapital vorgegeben, in exponentiell steigendem Umfang. Und in solchen Zeiten blockieren wir wirtschaftliche Gebiete mit enormem Nachfragepotenzial und berauben uns damit eines Marktes mit einem Umfang von ungefähr anderthalb Milliarden Menschen (China und Russland), belasten das Kartenhaus also zusätzlich. Natürlich: Täten wir es nicht, setzten wir auf Wandel durch Handel oder auch einfach nur auf Handel und gegenseitigen Vorteil, so würde das die fatale Dynamik der Eskalation des Innenwiderspruchs der kapitalistischen Wirtschaft nicht beseitigen, sondern nur etwas verzögern… Wir müssen uns mit dieser Sache, mit der Frage, was genau es ist, das uns in den Ruin treibt, also so oder so auseinandersetzen, und dabei ist es fast schon egal, ob dieser Ruin der plötzliche Untergang der Menschheit in einem weltweiten Atomkrieg oder der allmähliche Untergang in kaum weniger gewalttätigen Auseinandersetzungen anlässlich klimabedingt verlorenen Lebensraums ist. Beides ist keine Perspektive, und beides sollte Menschen mobilisieren, die Kinder oder gar Enkel haben, denn vor allem deren Lebensspanne ist es, die auf dem Spiel steht.

Auch wenn kaum jemand diese Botschaft hören oder lesen wird, aber ich für meinen Teil möchte klar stellen: Ich hege keine aggressiven Gefühle gegen das russische Volk, und ich hätte gerne, dass jene Menschen in Russland, die sich mit immer weiter zunehmendem Unverständnis angesichts der aggressiven Äußerungen von NATO, EU und Deutschland abwenden, wissen, dass es zumindest ein paar Leute hierzulande gibt, die nicht so denken. Ich bin kein Fan von Nord Stream 2, und ich ignoriere nicht die Verbrechen, die vor allem das polnische Volk ab dem 1. September 1939 durch die Deutschen erlitten hat, und schon gar nicht leugne oder verharmlose ich die Shoa und was es sonst noch an Fürchterlichkeiten im Zweiten Weltkrieg von deutscher Hand gegeben hat. Und ebenso ist mir klar, dass der Zweite Weltkrieg eine Vorgeschichte mindestens seit Versailles gehabt hat, in deren Verlauf nicht allein Deutschland Schuld angehäuft hat. Aber morgen ist Russland dran und jene, die als Teil der Sowjetunion ebenfalls Opfer Hitlerdeutschlands wurden. Schweigen wir nicht, wenn die Scharfmacher wieder zu den Waffen rufen, denn sie tun es ganz ohne Zweifel!

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Brexit


Nun sind sie also raus aus der EU, die Briten. Das heißt, so richtig ja noch nicht. Irgendwie halten sie angeblich bis zum Jahresende noch alle EU-Regeln ein und zahlen auch ihre Beiträge, und diese aller-aller-allerendgültige Frist kann auch noch einmal verlängert werden, aber am Freitag war medial jedenfalls ein ganz schönes Tamtam um die Sache.

Vielleicht täuscht mich meine Wahrnehmung ja auch, denn just am 31. Januar verbrachte ich einen Tag zu Hause und zappte mich dabei durch diverse bayerische Kanäle bis hin zum Deutschlandfunk. Nein, die BBC war nicht dabei, erst recht kein von Boris Johnson privat unterhaltener Kanal. Also kein Sender, der die unbestreitbar recht deutschlastige Perspektive dessen, was mir zu Ohren kam, hätte … – nun ja, irgendwie balancieren oder ihr doch zumindest ein wie auch immer bemessenes Gegengewicht hätte gegenüber stellen können.

Und das wäre zweifellos angemessen gewesen, denn es hat ja zwei Abstimmungen mit beträchtlichem zeitlichem Abstand zueinander gegeben, in denen die Bürger Großbritanniens ihr Stimme pro und contra Brexit abgeben konnten: Zuerst das berüchtigte Votum vom Juni 2016 und dann die Wahl im Dezember 2019, in der es zwar gemäß dem britischen Verhältniswahlrecht um die Mehrheitspartei im Parlament ging, aber jeder wusste, dass zumindest mit einer Wahl der Tories Boris Johnson als Premierminister bestätigt werden würde und dass dieser dies als Bestätigung seines Brexit-Kurses auffassen würde.

In zwei Abstimmungen, zwischen denen viel Bedenkzeit lag, viel Zeit freilich auch, um mit beträchtlicher Stimmungsmache auf die Wählerinnen und Wähler einzudreschen, die Wahrheit und Wahrhaftigkeit in neue, ungekannt tiefste Abgründe hinab zu reißen, kurz: um jedermann Zeit zu geben, sich aus möglichst unabhängiger Quelle ein objektives Bild von der aktuellen Lage in Großbritannien auf der einen Seite zu machen, von der der EU und weiteren Spielern auf dem globalen Schachbrett auf der anderen Seite, davon aber vor allem, wohin mit all diesen Akteuren und der jeweiligen aktuellen Gamepower die Reise wahrscheinlich gehen würde. Und: um allen, um deren Stimme es jedes Mal ging, den Vorgang dieser Vergegenwärtigung möglichst schwer zu machen, indem der Lautsprecher all jener, die eben keine unabhängige Informationsquelle sind, sondern interessierte Partei, mittels viel Geld möglichst weit aufgedreht wurde. „Die Medien“ möchte ich rufen, aber das wäre ein Schlag auch ins eigene Kontor; schließlich publiziere ich hier ebenfalls gerade, und wer das Internet noch nicht als Medium begriffen hat, der hat ganz wenig begriffen. Indes, ich kenne meine Webstatistik; mein Lautsprecher ist alles andere als kräftig. Ich füttere ihn schließlich auch nicht mit Geld. Und: Ich will die Rolle des Internets nicht übertreiben. Es ist gewiss ein wichtiges Medium, aber es füttert mich nicht scheinbar kostenlos von morgens bis abends mit Unterhaltung. Das tut vielmehr das Fernsehgerät, auch wenn sowohl die Endgeräte, also TV vs. Computer, als auch die Art der Übertragung dessen, was über die Mattscheibe flimmert, einander immer mehr annähern.

Ich spiele auf all jene Menschen an, für die immer mehr Stunden des Tages ohne Hintergrundgeräusche und Bilder und häppchenweise Infos immer unerträglicher werden, sodass der immer größer und bunter werdende Bildschirm immer stärker integraler Bestandteil ihres Tagesablaufs und damit auch ihres Lebenslaufs wird.

Ich sah vor kurzer Zeit eine Aufzeichnung eines Vortrags von Daniele Ganser, u.a. über Medienkonsum, und er sagte in diesem Vortrag: „Ich empfehle, … das zu suchen, was man suchen will. Das ist eine andere Haltung. Das eine ist zu warten, was irgendjemand für Sie zusammengestellt hat. Dann sitzen Sie, es kommt was, vielleicht hat’s was getroffen, vielleicht nicht. Das andere ist: Sie nehmen sich die gleiche halbe Stunde und sagen sich: Heute interessiert mich … Tomaten züchten. Dann geben Sie das ein, und dann machen Sie sich zu dem schlau. Aber das ist das aktive Informationsmanagement, und das alte ist das passive Informationsmanagement, wo Sie einfach warten, was die Redaktion für Sie ausgesucht hat, wo noch der Kommentar kommt von dem, der für Sie gedacht hat…“

Meine Einschätzung ist, dass immer noch weit überwiegend passiv medial konsumiert wird. Dass man sich hinterher darüber im Familienkreis oder unter Kollegen oder auf Facebook darüber echauffiert, was „die da oben“ wieder für einen Mist machen, ändert daran nur insofern etwas, als über solche Kontakte Reflektionen zustande kommen könnten. Aber das Wort „Filterblase“ kommt ja nicht von ungefähr: Die meisten Menschen suchen sich für die Diskussion nicht ausgerechnet Leute aus, die gegenteiliger Meinung sind. Denn das würde zu Kontroversen führen, und wenn man die Anstrengung dafür nicht scheut, könnte man auch gleich von vornherein zu dem übergehen, was Ganser das aktive Informationsmanagement nennt.

So stelle ich mir die Meinungsbildung auf der Insel jeweils vor den Abstimmungen vor, und so stelle ich sie mir auf dem Kontinent dazu vor, wie hier über die Briten gedacht wird. Da unterscheiden wir uns sicherlich nicht wesentlich voneinander. Die Briten haben also anders entschieden, als wir gewollt haben. Haben wir? Wer sind wir? Ärgert sich nicht schon seit der handtaschenschwingenden Margaret Thatcher ein großer Teil der EU über den Briten-Rabatt? Wer wollte die Briten eigentlich dennoch mit im Boot haben? Und was ist eigentlich die Natur dieses Bootes, was macht die EU aus?

Folgt man der Geschichte der EU zurück zu ihren Anhängen, so landet man bei der Montanunion, der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Darüber ließe sich hier viel schreiben, aber das haben andernorts schon andere getan. Der Krieg war noch kein Jahrzehnt vergangen, als sich sechs wesentliche Player der europäischen Wirtschaft zusammentaten, und zwar nicht, um das Erasmus-Programm aufzulegen, Städtepartnerschaften zu begründen, Friedensprojekte zu initiieren oder sonst irgendwelche Initiativen zur dringend gebotenen Völkerverständigung anzuschieben, sondern um ausgerechnet jene Industrie wieder in Fahrt zu bringen, die wie kaum eine andere kriegswichtig gewesen war, und um das große Business wieder in Gang zu bringen.

Nun hat es all diese damals noch nicht thematisierten Aktivitäten dann aber doch irgendwann gegeben, allerdings gewissermaßen als trickle down: Sie fielen mit ab. Sie waren als Garnierung der großen Geschäfte notwendig, um anstelle der zu keinem Zeitpunkt wirklich die breiten Massen elektrisierende Begeisterung für die EU-Projekte mit den meisten Stellen vor dem Komma wenigstens so etwas wie Akzeptanz zu schaffen. Reisefreiheit und schließlich der Wegfall des unbequemen Währungsumtauschs bei der Reise in die meisten europäischen Länder – das war der Zuckerguss über die Härten, die die erste Stufe der Globalisierung innerhalb Europas mit sich brachte. Und es war stets Deutschland, genauer gesagt: die exportorientierte deutsche Wirtschaft, die von niedrigen Schranken und Zöllen vor allem profitierte und dies bis zum heutigen Tage tut. Wer sich den Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ansieht, muss sich unweigerlich die Frage stellen: Was haben die anderen sich wohl dabei gedacht, sich derart entsaften zu lassen? Die Antwort auf diese Frage hat etwas mit der zum damaligen Zeitpunkt noch keineswegs so sicher ausgemachten Westintegration Deutschlands zu tun, doch das nur am Rande.

Keine Frage: Auch Exporteure anderer europäischer Länder profitieren vom vielfältigen Regelwerk zur Erleichterung grenzüberschreitender Handelsbeziehungen. Und viele Normierungen, Vereinheitlichungen machen Handelsbeziehungen einfacher und transparenter. Zu Dingen, die bereits EU-weit reguliert sind, braucht man keine Vertragsklauseln mehr auszubrüten. Es soll schon mal einem Flugzeug unterwegs der Treibstoff ausgegangen sein, weil die Maschine zwischen Ländern verkehrte, deren Verständnis von einem Pfund (Kerosin) unterschiedlich ist.

Aber keine Volkswirtschaft besteht nur aus Exporteuren. Das heißt: Wenn sich ein Land auf das Gegenteil von Protektionismus einlässt, sollte seine Regierung solide begründen können, dass die große Offenheit nicht nur modern ist, sondern auch nützlich fürs Volk. Fürs Volk, wohlgemerkt! Nicht nur für „die Wirtschaft“, wer auch immer das im Einzelnen ist. Dass beides eng zusammenhängt, wird niemand bestreiten.

Nun ist es so, dass Großbritannien schon mal größer war als heute. Groß. Weltmacht sogar. Daher der Name. Und Abglanz ist etwas, das in einem Volk manchmal eine beträchtliche Nachleuchtzeit hat. Deshalb hat sich die Monarchie auf der Insel bis zum heutigen Tage gehalten, auch wenn sie nur noch ein teures Kasperletheater ist sowie Futter für den Boulevard. Aber sie hat eben etwas mit Glanz und daher auch mit Abglanz zu tun. Man könnte es auch anders formulieren: Manche Menschen schätzen die Bedeutung der eigenen Nation für die Wohlfahrt von wem auch immer nicht realistisch ein. In diesen Fällen kann man wohl meist von Überschätzung ausgehen. Es hat ja auch mal ein „Deutschland über alles in der Welt“ gegeben.

Es ist also einerseits nicht abwegig, wenn deutsche Medienvertreter – mit den Medien meine ich hier Radio, Fernsehen und Presse – prophezeien, das würde nun der Todesstoß für das Britische Empire sein, wenn jeglicher grenzüberschreitender Wirtschaftsverkehr längst vergessen geglaubte und nun wieder errichtete Hürden kostenpflichtig überwinden müsse und sich daher neuen, häufig vernichtenden bzw. „verunmöglichenden“ Kostenkalkulationen ausgesetzt sehe. Was im Übrigen natürlich auch für all jene Unternehmen außerhalb Großbritanniens gilt, die bislang erfolgreich auf die Insel exportiert haben und nun vergleichbare Hürden sehen. Wovon Deutschland besonders betroffen ist, was gute Gründe für solches Geschrei liefert.

Andererseits halte ich es nicht für aus der Luft gegriffen, wenn jemand wie Boris Johnson glaubt, Großbritannien könne seine Dinge viel besser regeln, wenn andere Länder, allen voran Deutschland, nicht mehr befugt sind, ihnen bei allen möglichen Gelegenheiten in die Suppe zu spucken. Denn auch wenn der Ursprung und die bis heute maßgebliche Essenz der EU wirtschaftsrelevante und für mindestens irgendeinen Wirtschaftszweig freundliche Regelungen sind, so gilt doch seit langem und wohl für immer de Gaulles Ausspruch: Staaten haben keine Freunde, nur Interessen. Machen zwei Staaten einen Vertrag, so erhoffen sich beide einen Vorteil davon. Sonst gibt es keinen Vertrag.

Großbritannien ist für den Austritt aus der EU mit einer Voraussetzung gewappnet, die den meisten anderen Mitgliedern bei einem ähnlichen Ansinnen fehlt: Es hat eine eigene Währung. Es hat den Unsinn des Euro in der vorliegenden Form nicht mitgemacht. Ich schreibe das nicht als jemand, der der Deutschen Mark nachtrauerte. Ich habe als Deutscher ein ambivalentes Verhältnis zum Euro. Ich sehe die Vorteile, die er der stärksten beteiligten Wirtschaft bringt, also uns. Und ich sehe die in extremem Zeitlupentempo ablaufende Explosion, mit der er die währungs-, aber nicht wirtschaftsgleichen Länder auseinandersprengt. Gäbe es den Länderfinanzausgleich innerhalb Deutschlands nicht, so liefe auf nationaler Ebene das ab, was derzeit auf supranationaler Ebene stattfindet. Ein vergleichbares Instrument zur wirtschaftlichen Konvergenz, zur Förderung des Zusammenhalts gibt es auf EU-Ebene nicht. Und erzähle mir niemand was vom Kohäsionsfonds! Das ist nicht vergleichbar.

Ich habe keine Ahnung, ob Deutschlands Kommunen und Länder aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Verschuldung verschieden hohe Zinssätze zahlen müssen. Logisch erschiene es mir. Bei den Ländern der EU ist dies jedenfalls so und zwar aus rational nachvollziehbaren Gründen. Es ist also nicht nur so, dass wirtschaftlich sehr unterschiedlich starke Länder ohne eine Möglichkeit zur Abwertung ins Korsett derselben Währung gezwängt sind, sondern die schwachen Länder werden auch stärker belastet. Da sagen nun die Neoliberalen: Reduziert eure Löhne, lebt nicht über eure Verhältnisse, d.h., reduziert eure Schulden, denn dann ist das so, als hättet ihr eure eigene Währung abgewertet. Nur hält es unter solchen Umständen bei gleichzeitiger Freizügigkeit und nahezu ungehindertem Warenverkehr gut ausgebildete Leute nicht mehr im Land. Die betreffenden Länder würden eben auf andere Weise ausbluten als jetzt zum Beispiel Griechenland.

Es hat nie einen Zeitpunkt gegeben, zu dem der Austritt Großbritanniens aus der EU „passend“ gewesen wäre. Ich begrüße ihn auch nicht. Er kommt aber zu einem Zeitpunkt, zu dem Absetzungsbewegungen in vielen Mitgliedsländern der EU zu beobachten sind, zusätzlich von außerhalb der EU forciert, und außerdem Separatismus innerhalb der Länder, nicht zuletzt innerhalb von Großbritannien. Weder die EU noch irgendein Nationalstaat vermag im jeweiligen Wirkbereich eine Faszination für die Zukunft zu entzünden. Im Gegenteil: Inmitten der größten jemals gezählten Bruttoinlandsprodukte machen sich Verzagtheit, Pessimismus, Zukunftsangst, Zynismus und immer mehr Aggressivität und Nationalismus breit, zusätzlich befeuert durch Klimaprognosen und erste ernste Anzeichen der Veränderung: Für die einen waren die letzten beiden Sommer nur besonders planschig, für andere bedeuteten sie den wirtschaftlichen Niedergang der eigenen Forst- oder Landwirtschaft. Es ist daher ausgesprochen herausfordernd, einen Weg zu finden, zu diskutieren, einzuschlagen und auch noch beizubehalten, der den Zusammenhalt der Gesellschaft fördert und den der Gesellschaften miteinander und zugleich eine positive Aufbruchsstimmung stiftet. Ich persönlich gebe weder den gegenwärtig Mächtigen noch den gegenwärtigen Machtstrukturen den dafür erforderlichen Vertrauenskredit.

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Australien brennt


Das ist natürlich Quatsch. In Australien brennt es. An vielen Stellen, gewiss, an viel mehr Stellen als im vergangenen australischen Sommer, deutlich länger schon als damals zur selben Zeit, und für viele Parameter kann man getrost viel weiter in die Vergangenheit zurückblicken als nur ein Jahr weit, um im Vergleich feststellen zu müssen: So schlimm war es noch nie in den vorliegenden Annalen.

Allerdings muss man auch sagen: In Australien gibt es, gemessen an seiner Gesamtfläche, gar nicht so viele Flächen, die überhaupt brennen könnten. Zumindest aus der Satellitenperspektive sind die Hälfte bis zwei Drittel des fünften Kontinents so braun, dass es da wenig Zunder geben kann. (Allerdings sehen diese Flächen aus der Nähe nicht aus wie die Sahara, aber doch so dünn bewachsen, dass es nach meiner Einschätzung einen ziemlich starken Wind braucht für die Ausbreitung eines Brandes.) Insofern könnte man immerhin sagen: Von den Flächen Australiens, auf denen beklagenswerte Verluste entstehen können – an Menschenleben, an Agrarland, an Häusern, Infrastruktur und kulturellen Werten, an tierischem Leben, an Pflanzen im Allgemeinen und Wäldern im Besonderen, klimatechnisch gesprochen: an Kohlenstoffspeichern –, steht ein erheblicher Teil in Flammen.

Australien bietet Kritikern eine breite offene Flanke. Das Land weist hohe Pro-Kopf-CO2-Emissionen auf, noch höhere als die USA. Das muss man erst mal hinkriegen in einem so sonnenreichen Land. Davor kommen nur noch elf andere Länder, über die Hälfte davon kleine Öl- und Gasförderkönigreiche, aber auch unsere Bruderländer Luxemburg und Estland. („Bruderländer“ sind die mit den gemeinsamen „Werten“…) Die angesprochenen „Königreiche“ sind jedoch so klein, dass es fast schon interessant wäre, z.B. Jeff Bezos oder Leonardo DiCaprio aus der US-Statistik herauszurechnen und einzeln aufzulisten – der eine der reichste Mann der Welt mit gewiss ein paar ziemlich CO2-intensiven Hobbys und der andere ein in Umweltdingen zwar ziemlich engagierter Mann, der jedoch, wie es heißt und wie es gerne Ökopredigern ganz allgemein vorgeworfen wird, dennoch oft mit dem Flieger unterwegs ist, in welchen Missionen auch immer.

Die Informationen zu den Pro-Kopf-Emissionen habe ich aus der Wikipedia. Dort steht nicht, jedenfalls nicht auf der Seite mit den Pro-Kopf-Emissionen, nach welchen Verfahren die dort hinterlegten Zahlen ermittelt worden sind. Dabei wäre das ziemlich interessant, gerade im Fall Australien. Ich komme darauf zurück.

Ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass damit die Katastrophe auch ihre Verursacher erreicht hat. Nicht zum ersten Mal übrigens. Verheerende Wirbelstürme trafen schon die USA, die Taiga brannte in Russland – eine Liste, die sich lang fortsetzen ließe und dennoch ohne Nutzen wäre. Und ich meine mit den Verursachern nicht nur die Australier, die aktuell Haus und Hof verloren haben, sondern auch die Touristen, die für schlankes Geld mal Kängurus und die Blue Mountains in persönlichen Augenschein nehmen wollten und nun irgendwie ihr „Investment“ abschreiben müssen. Und, wie es aussieht, nächstes Jahr auch nicht mehr zu kommen brauchen, zumindest nicht an die Südostküste.

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, die Siemens AG überlege, Signaltechnik nach Queensland zu liefern, also in einen Bundesstaat im Nordosten Australiens, und zwar an die neu aufzuschließende Carmichael-Mine – und diese Kunde kam zusammen mit der Erkenntnis, dass das einige Aufregung generiert hätte. Das ist für mich, am Rande bemerkt, auch deshalb interessant, weil der Bereich Mobility, der sich mit solcher Signaltechnik befasst, mein Arbeitgeber ist. Durchsucht man das Netz nach diesem Thema, so stößt man auf die für mich nahe liegende Aussage, dass das Auftragsvolumen nicht so riesig sein könne. Schließlich liegt die geplante Mine nicht in der Mitte des Kontinents, sondern relativ küstennah; von 200 km Schienenweg zwischen der Mine und dem Verladehafen ist die Rede. Da könnte man also fragen: Hey, Chef, warum handelst du dir für so wenig Gewinn so viel schlechte Publicity ein? Wer soll uns die ganzen Reden zum Thema „Wir wollen ein grünes Unternehmen werden“ denn da noch glauben? Ich frage das lieber nicht, denn erstens ist die Sache noch nicht in trockenen Tüchern, zweitens kenne ich die Zahlen nicht, und drittens habe ich einige wenige Aufreger gefunden und kann allein damit die Stimmung nicht realistisch einschätzen. Aber das sind alles keine wichtigen Argumente für meine Zurückhaltung.

Wichtiger für mich ist z.B. die Tatsache, dass die Sachverhalte ab 2006 dieselben waren: Kohlemine in Queensland, Klimakatastrophe (noch ein bisschen weniger katastrophal, aber für Leute mit Verständnis von der Sache bereits damals als Katastrophe zu kategorisieren), CO2 als Hauptverursacher der klimatischen Veränderungen bekannt usw. Und dasselbe Unternehmen führte eine Modernisierung derjenigen Lokomotiven durch, die die Kohle zu den Häfen bringen. Und niemand hatte diese Modernisierung kritisiert, jedenfalls ist mir davon nichts zu Ohren gekommen. Was zum Teufel ist heute anders? Die Loks sahen ein bisschen komisch aus, aber das hatten nicht wir zu verantworten; schließlich war es nur eine Modernisierung. Neue Loks wären möglicherweise sogar billiger gewesen, habe ich mal sagen hören, aber so was muss der Kunde entscheiden. Wir haben den Australiern das Modernste an Antriebstechnik und Steuerungselektronik in ihre Zugpferde eingebaut, das man damals für Geld kaufen konnte. Die liefen hinterher effizienter als vorher, sparsamer. Ein echter Beitrag zum Klimaschutz, könnte man sagen. Ich weiß nicht, ob das jemand so behauptet hat. Ein bisschen komisch hätte es vermutlich schon geklungen, wenn man bedenkt, dass jeder Zug Tausende Tonnen Steinkohle auf den Weg bringt nach China und … – tja, und da wird die Sache jetzt etwas peinlich – auch nach Deutschland. Und nicht ganz wenig! Um genau zu sein: mehr, als die ganze Carmichael-Mine in den ersten Jahren fördern soll. Denn noch haben wir ja Steinkohlekraftwerke, fördern bloß keine Steinkohle mehr, weil das viel teurer ist, als sich das „Schwarze Gold“ aus Down Under heranschippern zu lassen. Man könnte also die Kette schließen und formulieren: deutsche Signaltechnik für billigen Strom aus deutschen Steckdosen. Warum fragt man also nicht mal die, die solchen Strom kaufen, was die sich dabei denken?

Und weiter: Könnte man nicht sagen, müsste man nicht fairerweise sogar sagen, dass eine Signaltechnik für ein Eisenbahnnetz, auf dem elektrisch betriebene Züge verkehren, eine ziemlich saubere Sache sei und schließlich der Hersteller der Signaltechnik nichts dafür könne, was der Käufer damit tue? Dual use gewissermaßen. Es könnten ja, rein theoretisch zumindest, auch Setzlinge für eine groß angelegte Aufforstungsmaßnahme in umgekehrter Richtung mit den Zügen transportiert werden. Da müssten viele Züge fahren. Das Outback ist riesig.

Noch mal zurück zur Carmichael-Mine. Diese an sich scheint mir der deutlich größere Aufreger als die Siemens-Signaltechnik zu sein. Die Australier sind – je nach Betrachtungsweise – dumm genug, ihre Rohstoffe in die ganze Welt zu verkaufen, anstatt aus Rohstoffen Produkte zu fertigen, die sich für viel mehr Geld verkaufen ließen, ohne solche Massen bewegen zu müssen, oder clever genug zu erkennen, dass man aus Kohle schlichtweg keine teuren Produkte herstellen kann und den Dreck verscheuern muss, solange ihn noch jemand will. (Ich lasse mich gern über hochwertige Produkte aus Steinkohle belehren.) Ich gehe davon aus, dass den Australiern die CO2-Emissionen in China, die aus der Verbrennung der australischen Kohle resultieren, nicht angerechnet werden. Sondern den Chinesen. Und ist das nicht angemessen? Ist es nicht außerdem besser, dass die Chinesen australische Kohle verbrennen anstatt z.B. Urwaldholz aus Brasilien – auch wenn das den Brasilianern vielleicht gut ins Konzept passen würde, weil sie dann noch was dafür bekämen, wenn sie den Urwald für die Gewinnung von Soja-Anbauflächen beseitigen? Reden wir gar nicht erst davon, wohin das Soja verschifft wird, wo also Rinder damit gefüttert werden…

Natürlich ist Gautam Adani, der indische Investor hinter der Carmichael-Mine, nicht Milliardär geworden, weil er immer nur gewartet hätte, dass irgendwelche Leute etwas von ihm wollten. Er weiß in der heutigen übersättigten kapitalistischen Weltwirtschaft, dass man auf die Kunden „proaktiv“ zugehen muss, dass man sie auch schon mal „bearbeiten“ muss. Die Werbung hat gewiss nicht er erfunden. Er wird sie genutzt haben, um Abnahmeprognosen für sein investives Wagnis erstellen zu können. Es geht um richtig viel Geld. Und richtig viel Kohle. Insofern hat er dem einen oder anderen Elektrizitätserzeuger vielleicht erst andere Primärenergieträger ausreden müssen, bis diese Kraftwerksbetreiber die Kohle als den für sie aktuell interessantesten Treibstoff erkannten. Insofern kann man Adani in Haftung nehmen für das Unheil, das mit der geförderten Kohle seinen Lauf nimmt. Aber wäre ich australischer Umweltschützer, dann würde ich einen solch komplizierten Weg nicht beschreiten. Es heißt, der Wasserhaushalt in Queensland werde empfindlich beeinträchtigt durch Carmichael. Es gehört für einen Deutschen nicht viel Cleverness dazu, so etwas zu vermuten. Man kann sich in den Lausitzer, Mitteldeutschen und Rheinischen Kohlerevieren anschauen, was Tagebaue mit zum Teil mehreren Hundert Metern Tiefe mit dem Grundwasserspiegel in ihrer Umgebung anstellen. Das Wasser muss abgepumpt werden, denn sonst saufen die gigantischen Löcher ab. Warum sollte das in Queensland anders sein? Und die Leute dort wissen das. Das ist vermutlich da nicht viel anders als hierzulande: Die unmittelbar in der Nähe Wohnenden sind betroffen, die weiter weg Lebenden sind beteiligt. Schließlich ist billiger Strom (hier) bzw. sind gut bezahlte Jobs in der Kohleindustrie (dort) ein Argument, und am Ende entscheidet, wer mehr Wählerstimmen oder mehr Kapital hinter seinem Argument versammeln kann. Da ziehen die Locals in aller Regel den Kürzeren.

Eingangs erwähnte ich die Pro-Kopf-Emissionen Australiens. Die von Deutschland sind auch nicht ohne. Man kann das erstens daran erkennen, dass unsere mehr als doppelt so hoch sind wie der durchschnittliche Pro-Kopf-Wert weltweit. Und vier- bis fünfmal so hoch wie ein nachhaltiger, enkelverträglicher Wert. Wenn also jemand Klage über eine überbevölkerte Welt führt, dann sollte diese Klage insbesondere Deutschland adressieren, nicht nur deshalb, weil die Bevölkerungsdichte von Deutschland weit mehr als das Doppelte derjenigen von Asien beträgt und mehr als das Fünffache derjenigen von Afrika, sondern auch wegen unserer hohen Emissionen pro Kopf. Zweitens kann man ihren Rang betrachten: 28 von ca. 200 Staaten.

Wenn ich drei der bislang genannten Staaten mal zusammenstelle – Australien, China und Deutschland –, dann fallen mir deren intensive Außenwirtschaftsbeziehungen auf, und dann werfe ich noch einen Stein in den spiegelglatten See der Emissionsbilanzen: Wie wird eigentlich bilanziert, was Deutschland in die Welt exportiert? Für die Australier bin ich mir sicher, dass ihnen ihre exportierte Kohle nicht angerechnet wird, die Emissionen im Zuge der Förderung und des Transports dagegen schon. Ist also davon auszugehen, dass die Werkbänke Deutschland und China dieser Welt belastet werden mit der Herstellung von Dingen, die sie gar nicht selbst konsumieren, und dass deshalb diejenigen in den Bilanzen gut wegkommen, die nicht energieintensiv produzieren, sondern energieintensive Produkte – aus welchen Gründen auch immer – importieren? Ich habe gelesen, dass im Zuge der Globalisierung viele schmutzige Prozesse in ferne Länder ausgesourct worden seien, weil dort nicht so teure Auflagen existieren. Könnte es also sein, dass Deutschland am Ende noch höhere Werte aufweisen würde als ohnehin schon?

Seien wir bloß vorsichtig, wenn wir mit dem Finger auf die Australier weisen!

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Sollte man die Frösche fragen?


(Dies ist die Antwort auf eine Nachricht von einer Schülerin, die bei Fridays for Future aktiv ist.)

Vielen Dank für deine Nachricht!

Grundsätzlich sind deine und meine Perspektive auf die Klimakatastrophe verschieden. (Ich sage/schreibe auch manchmal noch „Klimawandel“, aber das scheint mir ein verharmlosender Begriff, etwa wie ein Wandel in der Mode.) Das muss sie nicht sein, aber sie kann es sein, weil ich deutlich älter bin als du. Ich bin nicht so „zuversichtlich“ zu glauben, dass ich das dicke Ende nicht mehr mitkriege – was wohl irgendwie nach der Hoffnung auf ein baldiges Dahinscheiden klänge, aber solche Hoffnungen hege ich ganz sicher nicht –, denn eigentlich bekommen wir die Folgen jetzt schon von Zeit zu Zeit präsentiert: Hitzesommer, Waldsterben, Westnilvirus etc. Dass die Winter keine „richtigen“ Winter mehr sind, verbuchen wir dagegen eher unter Verbesserungen. Aber so oder so – wenn wir beide unsere jeweilige „natürliche“ Lebenserwartung „ausreizen“, wirst du nach meiner Überzeugung bösere Zeiten erleben. Richtig böse Zeiten, fürchte ich.

(Man kann auch aus anderen Gründen hoffen, dass alles nicht so schlimm wird. Man kann hoffen, dass der Menschheit die technische Erfindung gelingt, die uns sauber mit kostenloser unendlicher Energie versorgt. Man kann hoffen, dass der Mensch sich ändert, dass er als kollektives Wesen nicht nur vernunftbegabt ist, sondern vernünftig wird, unvernünftig momentan nicht in dem Sinne, dass er unfähig zu intellektuellen Leistungen, zu technischen Innovationen wäre, sondern unfähig, das Sägen an demjenigen Ast bleiben zu lassen, auf dem er sitzt. Man kann auf das Ende des Kapitalismus hoffen. Und anderes. Solche Hoffnungen halte ich größtenteils für illusorisch, nicht weil ich die aufgezählten Änderungsmöglichkeiten für unmöglich hielte, sondern für nicht schnell genug möglich bzw. im großen Stil umsetzbar, um Hunderte Millionen menschlicher Opfer zu verhindern.)

Ich kann also für mich sagen: Der Drops ist gelutscht. Ich mache so weiter wie bisher bzw. vielmehr: Ich mache es ab jetzt so, wie es fast alle anderen machen, denn die haben mehr Spaß, und nach mir die Sintflut! Das kannst du, so meine Überzeugung, nur dann, wenn du aus irgendwelchen traurigen Gründen unabhängig von der weiteren Entwicklung unserer Lebensumwelt kein langes Leben zu erwarten hast. Ich will das nicht hoffen.

Ich unterstütze seit vielen Jahren Greenpeace, und in den „Spitzenzeiten“ habe ich der Organisation gut 500 Euro pro Jahr überwiesen. Das ist vorbei; ich bin jetzt beim „Mindestsatz“ angekommen – ich glaube, es sind 60 Euro; ich müsste nachsehen. Warum? Greenpeace erscheint mir im Hinblick auf das aus meiner Sicht mit Abstand brennendste Problem, die Klimakatastrophe, nicht genügend wirksam. Man kann vermuten – und vielleicht mit Recht –, dass Greenpeace Schlimmeres verhindert hat. Aber schaut man sich die Kurve des CO2-Gehalts der Atmosphäre an, so sind die Abweichungen von einer mathematisch exakt exponentiell ansteigenden Kurve, man könnte auch sagen von einer explosionsartig ansteigenden Kurve, so minimal, dass man nur traurig konstatieren kann: Wirklich gestört hat da niemand.

Und dann war’s doch eher schade ums Geld.

Das ist in Deutschland durchaus etwas anders. Aber Deutschland hat seine bisherigen Reduktionsziele immer auf das Jahr 1990 bezogen, und zu dieser Zeit rauchten im Osten der Republik noch viele Schlote, die bald darauf plattgemacht wurden. Unsere Fortschritte sind im Wesentlichen dem Abriss der großteils energieineffizienten und braunkohlegetriebenen DDR-Wirtschaft zu verdanken. Wenn wir unsere Ziele auf das Jahr 2000 beziehen würden – das war vor Einführung des EEG –, sähe es eher traurig aus. Und es pfeifen ja die Spatzen von den Dächern, dass wir sektoral sogar schon wieder deutliche Zuwächse zu verzeichnen haben, z.B. im gewerblichen und privaten Straßenverkehr. Und dass wir Sektoren haben, in denen der sprichwörtliche Schornstein noch fast wie ehedem qualmt: in der chemischen Industrie, bei der Wohnungs- und Industrieheizung, in der Landwirtschaft. Die Stromerzeugung hat sich deutlich verbessert, steht aber momentan auch auf der Stelle, weil interessierte Kreise und besorgte Bürger den Onshore-Windkraftausbau zum Stillstand gebracht haben und weil die Kohleverstromung immer noch im wahrsten Sinne mit Vollgas unterwegs ist, als gäb’s kein morgen.

Doch nun zur Frage der Radikalität von Fridays for future, zu der du mir geantwortet hast. Du hast geschrieben, dass diese Bewegung momentan die gesellschaftsfähigste in Deutschland sei, als einzige zu politischen Diskussionen eingeladen, von der Politik „ernst genommen“ (Anführungszeichen von dir) werde und sich klimapolitisch Verhör verschaffe. Da geb ich dir in der Tendenz überwiegend Recht. Und zwar mit den gleichen Anführungsstrichen, und wie auch immer du sie gemeint haben solltest – ich meine sie ironisch.

Viele Menschen in Deutschland sehen das Klimaproblem, sehen ihren persönlichen Anteil daran und wünschen sich eine Änderung des Verhaltens aller Menschen. Ob diese Menschen die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ausmachen, weiß ich nicht; ich halte es für möglich. Aber nur eine Minderheit davon ist bereit, diese Verhaltensänderung jetzt schon umzusetzen, und zwar signifikant über die Mülltrennung hinaus, unabhängig davon, ob andere mitziehen, und die anderen haben für ihre nicht vorhandene Bereitschaft einige Begründungen, von denen die mit Abstand beliebteste so lautet: „Ich allein kann die Welt ja nicht retten.“ Was trivial ist, aber auch völlig entbehrlich, also kein brauchbares Argument. Wer das nicht kapiert, hat höchstwahrscheinlich nicht bis hierher gelesen, und den übrigen leuchtet es ein, ohne dass ich es hier näher begründen müsste.

Diese vielen Menschen begleiten euch mit Sympathie. Und sie bewundern euch zum Teil sogar, weil sie denken: „Diese Kids haben Courage. Doch nicht so apolitisch, wie immer erzählt wird, die Jugend von heute.“ Und ein bisschen sind sie auch neidisch, weil sie gern selbst mehr Courage hätten. Auch ich hätte gern mehr Courage.

Doch bei Lichte betrachtet braucht es für das, was ihr tut, wenig Courage, sondern „nur“ Priorität. Courage brauchen unter euch nur diejenigen, die vor ein Mikrophon treten und dort mehr zustande bringen wollen als ein Gestammel. Oder die mal bis zum Bürgermeister vordringen. Priorität heißt demgegenüber „Zeit haben“, sich Zeit nehmen. Die Demos, deren Vorbereitung, die vielen Veranstaltungen, all das, was unter dem Vorzeichen Fridays for future steht – stattdessen könntet ihr ja was anderes machen, und wahrscheinlich macht dieses Engagement auch nicht ununterbrochen Spaß. Aber ihr bewegt euch absolut im Rahmen des rechtlich Zulässigen, ihr seid die liebsten Demonstranten der Polizei, in keinem Getriebe der Sand, in keiner noch so schmutzigen Industrie-Show der Stopper, und wer irgendwas mit „freiheitlich demokratischer Rechtsordnung“ macht, in der Regel irgendwelche Politiker oder sonstige „Profis“, lobt die Gesetze und Strukturen, die solche Art freier Meinungsäußerung möglich machen, denn wir sind ja nicht im Iran oder in Nordkorea.

Und ihr bewegt tatsächlich etwas: Allerorten wird der Klimanotstand ausgerufen und Klimapakete werden geschnürt. Doch jetzt schlage ich die Brücke zu Greenpeace und frage: Was hat’s gebracht? In welchem Maße haben sich in Deutschland (schauen wir mal nicht auf die Welt, sondern kehren wir nur vor unserer eigenen Tür) die Treibhausgasemissionen verringert seit Beginn der Demonstrationen? Ein Jahr ist eine lange Zeit. Schau mal nach, was sich 1929 innerhalb eines Jahres in der Weltwirtschaft tat, ökologisch durchaus vorteilhaft, auch wenn das sozial-ökonomisch natürlich ein Desaster war. Oder schlag nach, was der Ölpreisschock 1973 innerhalb kürzester Zeit ausgelöst hat; auch hier litt die Ökonomie im Gleichschritt mit einem kurzzeitigen ökologischen „Aufblühen“. Ein Jahr ist bei wirklichem Willen also wirklich keine kurze Zeit, und bezieht man sich auf XR, so ist ein Jahr ein volles Zehntel der noch fürs vollständige Umsteuern (zero emission) verbleibenden Zeit.

Die Frage, ob’s effektiv was gebracht hat, werden wir wohl beide nicht kurzfristig beantworten können, denn das weiß man immer erst, wenn es in den Mühlen des statistischen Bundesamts verdaut wurde, was viele Monate dauert, zumindest aber den Jahresabschluss erfordert.

Es liegt mir fern, dich demotivieren zu wollen. So was wurde mir auf einer Freitagsdemonstration hier in Erlangen im Einzelgespräch schon vorgeworfen. Und ich gehöre nicht zu denen, die Polizeigewahrsam und womöglich polizeiliche Gewalt zu riskieren bereit sind, um etwas nicht nur Symbolisches, sondern etwas Wirksames zuwege zu bringen. Ich kann mich also nicht hinstellen und andere ins Gefecht schicken, wo ich selbst zu feige bin. Allerdings weiß ich, dass man die Frösche nicht fragen darf, wenn man den Teich trockenlegen will. Deshalb sollte/kann ich mich entscheiden, ob ich nicht doch zur Not eher den Teich toleriere, bevor ich mich auf den mühsamen Weg durch die Froschinstanzen mache, in denen die wirtschaftliche Unzumutbarkeit verkleinerter Feuchtgebietsflächen wortreich erörtert wird, um am Ende mit Kommuniqués, viel Papier, viel Stimmung, vielen Gesprächen doch immer noch lautes abendliches Gequake vom Teich herüberschallen zu hören.

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